en | dt

Ausstellungsinformationen

Grenzfälle des Raumes
14. Mai bis 25. September 2021
 
Lena von Goedeke, Franka Hörnschemeyer, Barbara Köhler, Melanie Manchot, Tanya Poole

Grenzfälle des Raumes versammelt signifikante Werke von fünf Künstlerinnen aus den Bereichen Bildhauerei, Malerei und Lyrik, die als Raum- und Soundinstallation für die Galerie m realisiert werden.
Die Lyrikerin und Künstlerin Barbara Köhler (1959-2021) hat ihr Gedicht Elf ½ als großformatige Wandarbeit entwickelt. Die darin beschriebenen physischen Raumerfahrungen und existentiellen Fragen berühren uns unmittelbar und spiegeln sich zugleich in den facettenreichen Konzepten der unterschiedlichen Ausstellungsstücke. Der Titel der Ausstellung ist dem Gedicht entlehnt.

Barbara Köhler, Elf ½
Köhler konzipierte diese Textinstallation eigens für die Ausstellung Grenzfälle des Raumes. Das bereits 2008 verfasste Gedicht beschreibt die menschliche Verortung im Raum und Grenzerfahrungen. Wir sind von der Schwerkraft bestimmt, stehen auf festem Grund, sind immer an die Grenzen des Raumes gebunden. Sprachwendungen wie „den Boden unter den Füßen verlieren“ schreiben diesem Bezug eine existentielle Bedeutung zu.
Als Gegenpol zur Begrenzung thematisiert Köhler unsere Suche nach Weite und wie wir Raum mit unseren Sinnen erfassen. An dieser Sinneserfahrung schließt die Realisierung des Textes als Wandinstallation an. Die Arbeit erstreckt sich über die volle Wandbreite. Es ergeben sich Wortfragmente durch abrupte Zeilenumbrüche an den äußeren Rändern der Wand. Auf diese Weise verdeutlichen sie die Spannung, mit der das Gedicht seinen Rahmen zu sprengen vermag. Die Worte werden zu dynamischen Objekten, deren Erscheinung unbeständig ist, indem sie auf räumliche Gegebenheiten, auf die jeweilige Lichtsituation, den Lichteinfall und die -stärke reagieren. In seiner Monumentalität wird das Geschriebene nicht nur im Textzusammenhang gelesen, sondern im Einzelnen erfahren. Immer neue Textbausteine schieben sich ins Blickfeld und treten in Beziehung mit den umgebenden Werken. Die Schrift wird zum Erfahrungsraum.

Franka Hörnschemeyer, Oszilloskop
Ebenso wie in Barbara Köhlers lyrischem Werk sind Raumerfahrungen ein wesentlicher Aspekt in den Arbeiten der Bildhauerin Franka Hörnschemeyer. Auch sie reflektieren physisches Erleben und existentielle Momente.
Angetrieben von einer äußeren Kraft lotet die Skulptur Oszilloskop ihre räumlichen Möglichkeiten durch scheinbar willkürliche Bewegungen aus. Aus einer massiven, geometrisch gestalteten Basis ragt eine schmale, eckige Säule empor, von der aus sechs Flügel in unterschiedlicher Höhe in den Raum ragen. Diese bestehen aus jeweils fünf bzw. sechs Aluminium-Wabenverbundplatten, die mit Scharnieren verbunden und damit in sich beweglich sind. Von der Mittelachse ausgehend erfahren die mehrgliedrigen Flügel unregelmäßig erscheinende mechanische Impulse, die die Konstruktion in eine fließende, nahezu organisch wirkende Bewegung versetzen. Ausladend greift Oszilloskop in den Raum, dreht sich langsam und leicht oder schwindelerregend, um dann immer wieder zu einer geschlossenen, sich selbst umarmenden Form zu finden.
Die Assoziation einer Choreographie stellt sich ein, begleitet vom mal lauten, mal zarten Klackern und Knarren der einzelnen Segmente, die immer wieder Limitierungen und Richtungswechsel erfahren.
In seinem Essay „Über das Marionettentheater“ (1810) beschreibt Heinrich von Kleist anschaulich, dass Bewegung einen Schwerpunkt hat und damit eine Marionette im Inneren regiert wird. Auch Oszilloskop wird durch eine einwirkende Kraftquelle in Schwingung versetzt. In unserer Wahrnehmung verschieben sich dabei die Grenzen von gesteuerter und intuitiv wirkender Bewegung; die Flügel werden, einem Tanz ähnlich, in rhythmische Bewegung versetzt.

Melanie Manchot, Alpine Diskomiks
Steht bei Hörnschemeyer die Interaktion zwischen Körper, Raum und ihrer Beobachtung im Fokus, kreiert die Multimediakünstlerin Melanie Manchot mit der 21 Meter langen Installation Alpine Diskomiks eine audiovisuelle Erfahrung, die die Grenzen unserer Wahrnehmung direkt und bis auf das Äußerste ausreizt. Für ihr Werk reiht Manchot 50 Plattenspieler aneinander, die sich nach und nach in Gang setzen. Zunächst erklingt erst eine Platte mit einem atmosphärischen Mix aus elektronischen Klängen und Schlagzeug. Sie bildet die Basis und definiert mit seiner Laufzeit von 19 Minuten Anfang und Ende der Soundarbeit. Nach und nach schalten sich weitere Plattenspieler dazu, deren Musik sich auf die bereits laufenden Stücke legt. Ihre Genres reichen von der klassischen Musik Franz Schuberts hin zu 70er Pop- und Rockmusik, von experimentellen Elektro-Sounds und Folk-Musik hin zu Death Metal. Die Gemeinsamkeit dieser Vinyl-Schallplatten findet sich in der Gestaltung ihrer Covers, die allesamt Bergmotive zeigen und damit die Inspirationsquelle der Musikschaffenden offenbaren.
Die sukzessive Überlagerung der Musikstücke erschwert die Fokussierung und Orientierung zunehmend. Die Audioarbeit kulminiert zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie, deren intensive, überwältigende Geräuschkulisse die einzelnen Musikstücke miteinander verschmelzt und die Zuhörenden regelrecht in einen schwindelerregenden Zustand versetzt. Manchot konterkariert mit ihrer Arbeit das gängige Motiv der idyllischen, romantischen Berglandschaft und legt den Fokus stattdessen auf die enormen Naturgewalten, die diese Gebilde über Jahrmillionen formten. Vom akustischen Gipfel subtrahieren sich allmählich die einzelnen Tonspuren wieder, und der Klang reduziert sich auf seinen Ursprung zurück; Orientierung wird zunehmend möglich und wir wissen uns wieder auf sicherem Boden zurück.
Das auf diese Weise akustisch übertragene Motiv des Gebirges findet im Fries der Plattencovers an den Wänden über den Plattenspielern seinen harmonischen und visuellen Kontrapunkt, denn ihre Motive bilden, jeweils an der Horizontlinie versetzt aneinandergereiht, eine 50 Cover lange, farbige Gebirgskette, an deren Anfang der titelgebende Alpine Diskomiks steht.

Lena von Goedeke, The Oneironaut (lab)
Die Luftblase der Rauminstallation The Oneironaut (lab) scheint zwischen den Wänden der Ausstellungshalle zu schweben. Der Korpus der monumentalen, elliptischen Sphäre füllt in seinen Ausmaßen nahezu den gesamten Raum. Maschinen und Kabel außerhalb der Blase bieten uns einen vagen Eindruck über die Komplexität der Sphäre, deuten jedoch eine funktionale Verbindung zwischen Innen und Außen sowie auf die titelgebenden Laborsituation an. Das Innere des Luftraums ist nur schemenhaft durch den mal mehr, mal weniger dichten Nebel darin wahrnehmbar. Im Laufe der Zeit wird sich der Nebel als weißer Schleier auf der Innenfläche der Blase absetzen, so dass die anfangs durchsichtige Haut der Sphäre sukzessiv opaker wird und sich der Eindruck des Nebels dauerhaft im Material des Luftraums festschreibt.
Inspiration fand die Künstlerin auf einer ihrer Reisen nach Spitzbergen. Bei der Fahrt mit dem Schneemobil durch das sogenannte Whiteout verschwimmen räumliche Grenzen und optische Anhaltspunkte. Nur mit äußerster Konzentration und mit technischer Unterstützung kann Orientierung und Kontrolle bewahrt werden. Allein der gleichmäßige Rhythmus des eigenen Atems dient als Referenz für Zeit und Distanz, wird aber zugleich bedrohlich, wenn er den Helm füllt, er dadurch beschlägt und die Sicht auf das Naheliegende vollständig verschwindet. Das Wort Oneironaut setzt sich aus den griechischen Wörtern für Traum und Seemann, zusammen und ließe sich mit „Traumwandler“ übersetzen. Mit ihrer Rauminstallation schlägt von Goedeke eine Brücke zwischen diesen Grenzerfahrungen. In beiden Phänomenen bedarf es größter Anstrengung, um Übersicht und Ruhe zu behalten. Es sind Erfahrungen, die sich trotz des ruhenden Schwebezustands des Werks unmittelbar und eindrucksvoll auf die Betrachtenden übertragen.

Tanya Poole, Span
Nach ihrer raumgreifenden und vibrierenden Installation The Coming Swarm von 2018, in deren Fokus Bienen und Hummeln standen, widmet sich Tanya Poole mit ihrer monumentalen Tuschemalerei Span (150 x 300 cm) erneut einem Insekt. Die Motte zeigt sich in ihrer ganzen Pracht und in einem völlig neuen Licht. Einmal mehr führt uns Poole ihren meisterhaften Umgang mit der Lavurtechnik vor Augen und offenbart Formen und Kontexte, die sonst im Verborgenen bleiben. Abermals spielt sie mit den fließenden Übergängen von abstrakten, scheinbar zufälligen Farbverläufen und präzisen anatomischen Wiedergaben und erschafft damit eine vibrierende Spannung, die uns das Wesen des Nachtfalters in einer Deutlichkeit erleben lässt, wie es keine naturgetreue Abbildung zu schaffen vermag. Motten sind unscheinbare Wesen. Sie leben zwar bei uns, aber wir nehmen sie nur flüchtig war. Poole überwindet die Barriere zwischen unserer und der Welt der Nachtfalter. Sie stellt sich „ihre fruchtbaren nächtlichen Flüge in mondlosen Wäldern oder dunklen Feldern vor, angezogen von treibenden Düften und fahlem Leuchten“ (Poole). Die Künstlerin beobachtet sie bewusst, skizziert die verborgene Vielfalt ihrer Flügelschuppenmuster. „Aber als sich mir die visuelle Komplexität der Motten offenbarte, wusste ich, dass ich sie viel, viel größer malen musste und dass meine kleinen Skizzenbuchbeobachtungen diesen gewaltigen und zuvor ungesehenen Reichtum nicht beschreiben würden. Die Tinte braucht Platz, um zu leben, und die Größe des großformatigen Papiers erlaubte es ihr, zu verlaufen, sich zu sammeln, aufzulösen und zu schichten.“
Die Tuschemalerei Span überwindet die herkömmlichen Grenzen unserer Wahrnehmung und sensibilisiert uns für Zwischenbereiche und Verbindungen, die häufig im Verborgenen bleiben.

Grenzfragen sind aktueller denn je. Sind sie meist geographisch oder politisch begründet, dienen sie im philosophischen Diskurs ebenso wie in der künstlerischen Auseinandersetzung dazu, unsere Lebensweise zu hinterfragen. Die komplexen künstlerischen Positionen in Grenzfälle des Raumes können auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf diesen Aspekt hin betrachtet werden. Sie zeigen Grenzverschiebungen innerhalb unseres Erfahrungsraums auf und fordern unsere Wahrnehmung heraus.
Barbara Köhler, Elf 1/2, 2008/2021
Franka Hörnschemeyer, Oszilloskop, 2014
Melanie Manchot, Alpine Diskomiks, 2019
Lena von Goedeke, The Oneironaut, 2021
Tanya Poole, Span, 2020